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Interview mit Corinne Flick

17/06/2015

»Entscheidet heute, wie es morgen sein soll«

Mit ihrer Denker-Plattform Convoco ruft Dr. Corinne Flick brillante Köpfe zusammen. Ein Gespräch über die gesellschaftliche Wirkung der Diskurse, die Macht des Unterlassens und die Bedeutung der Farbe Pink.

Ivonne Fehn: Frau Dr. Flick, Sie versammeln mit Ihrer Stiftung Convoco regelmäßig führende Denker und Macher aus verschiedenen Disziplinen zu Lectures und Diskussionsforen. Welche Intention steckt dahinter?
Corinne Flick: Convoco ist aus dem Gefühl heraus entstanden, sich austauschen zu wollen über Themen, die uns alle bewegen, und aus dem Wunsch, für unsere Welt Verantwortung zu übernehmen. Als Juristin möchte ich Inhalte diskutieren, die mit dem Recht zusammenhängen. Das ist die Urstruktur von Convoco – jedes Thema hat das Grundgesetz als Bezug. Die ersten Gespräche haben auf Herrenchiemsee im verfassungsgeschichtlichen Museum stattgefunden. 1948 wurde dort die deutsche Verfassung debattiert. Mit dieser Verfassung ist das Deutschland entstanden, in dem wir heute leben.

I.F.: Inzwischen sitzt Convoco in Salzburg.
C.F.: Salzburg hat sich durch die Nähe zu Herrenchiemsee ergeben, nachdem Convoco für das Museum zu groß geworden war. Ich bin sehr froh darüber, weil die Stadt verkehrstechnisch gut angebunden und einfach schön ist. Die Einzigartigkeit der Natur und die Qualität der Kultur prägen diesen Ort sehr, auch die Festspiele tragen dazu bei.

I.F.: Worum geht es bei den Convoco-Treffen?
C.F.: Convoco for a better understanding – das ist unsere Maxime. Es geht um Kommunikation, Austausch, Denken. Gutes Denken und tiefe Kommunikation brauchen ein Sich-Einlassen. Es war zu Anfang vielleicht die größte Herausforderung für mich, die Menschen zu überzeugen, sich Zeit zu nehmen. Wir alle haben volle Leben. Denken braucht Raum, den man in unserer heutigen Welt erst schaffen muss.

I.F.: Wer gehört von Anfang an zum engeren Kreis?
C.F.: Paul Kirchhof und Roland Berger. Die beiden verkörpern auch die zwei Bereiche dieses interdisziplinären Think-Tanks, der das akademische Feld und die Praxis zusammenführt. Paul Kirchhof mit seinem Hintergrund als Bundesverfassungsrichter versinnbildlicht das Grundgesetz und die darin geschützte Freiheit. Und Roland Berger, einer unserer führenden Wirtschaftsköpfe, weiß durch seine Beratertätigkeit, wie die Wirtschaft und wie Unternehmen funktionieren.

I.F.: Wie setzen sich die Teilnehmer zusammen?
C.F.: Neben einer Kerngruppe kommen jedes Jahr Experten nur für das jeweilige Thema dazu. Das ist einerseits wichtig für die Kontinuität und andererseits sorgt es für neue, inspirierende Gedanken. Wir haben Philosophen, Theologen und Historiker dabei, letztes Jahr auch eine Humangenetikerin. Es sind herausragende Menschen, die sich bei Convoco austauschen. Wolfgang Schön beispielsweise ist einer der führenden Spezialisten für europäisches Steuerrecht und Direktor am Max-Planck-Institut. Oder Jörg Rocholl, der Präsident der European School of Management and Technology in Berlin.

I.F.: Werden unsere besten Köpfe heute zu wenig gehört?
C.F.: Ja, ich denke schon. Gerade im universitären Bereich haben wir brillante Denker. Ich finde es wichtig, dass wir alle enger mit ihnen in Verbindung treten. Wir würden in einer besseren Gesellschaft leben, wenn wir mehr an deren Gedanken und Ideen partizipieren und diese in unseren Bereichen umsetzen würden.

I.F.: Weil auf Denken Handeln folgen sollte?
C.F.: Damit sind wir bei der Wirkung von Convoco. Sie liegt darin, dass jeder Einzelne, der zuhört und mitmacht, sich inspirieren lässt und die Gedanken in sein eigenes Leben transferiert. Deshalb sind die Öffentlichkeit und die Zuhörer wesentlich. Nach jedem Forum oder nach jeder Lecture erhalte ich E-Mails: "Übrigens, ich habe soundso getroffen" oder "dies hat mich inspiriert, jenes zu tun". Daran sehe ich, dass wir mit Convoco Wirkung erzielen. Außerdem gibt es die Convoco-Edition – es liegen bereits sieben Bände vor –, in der die Ergebnisse der Gespräche veröffentlicht werden.

I.F.: Bilden die Jahresthemen von Convoco gesellschaftliche Entwicklungen ab?
C.F.: Bisher ist es uns gelungen, Themen zu finden, die noch nicht in der gesellschaftlichen Diskussion angekommen sind – wir waren immer ein oder zwei Jahre voraus. 2011 haben wir zum Beispiel die Frage Wem gehört das Wissen der Welt? behandelt. Convoco wählt abstrakte Themen. Diese Meta-Ebene ist wichtig, um alle Disziplinen zu vereinen. Es sollen Philosophen, Historiker, Soziologen, aber auch Ökonomen und Juristen und Mediziner dazu Stellung nehmen können. Zugleich soll keine Mediendebatte entstehen. Die Themen sind bewusst anders, das garantiert unsere Eigenständigkeit. Darin liegt auch der Beitrag, den Convoco leistet.

I.F.: Das aktuelle Jahresthema lautet Die Ohnmacht der Macht, die Macht der Ohnmacht. Wer übt in der globalisierten Welt tatsächlich die Macht aus?. Was erwartet Ihre Gäste?
C.F.:  Bei dem Macht- und Ohnmachtsthema geht es darum, wo Entscheider heute stehen, ob sie überhaupt noch frei entscheiden können. Man ist in der komplexen Welt abhängig von Informationen, von Gutachten, und damit abhängig von denjenigen, die das Gutachten erstellen. Unter anderem geht es um die Rolle der Beratung. Wie 2013 bei Strategie und Rechnen mit dem Scheitern ist das Denken in Optionen ein zentraler Aussagepunkt – ein Entscheider kann nur entscheiden, wenn Handlungsalternativen bestehen.

I.F.: Das sind große Themen, die unsere politische und ökonomische Welt beschäftigen. Welche Resonanz finden sie in Ihrem persönlichen Alltag?
C.F.: Das Strategie-Thema hat in meinem Leben vieles verändert. Mir war vorher nicht in dem Maße bewusst, wie wichtig es ist, eine Strategie zu haben, wenn man ein Projekt angeht. Unabhängig davon, ob es ein privates, ein wirtschaftliches oder ein politisches ist. Auch das Thema vom letzten Jahr ist bedeutend in unserer vollen Welt – es ging um die Kraft des Unterlassens. Indem man wie Herman Melvilles berühmte Figur Bartleby einfach sagt »Ich möchte lieber nicht«, gewinnt man an Lebensqualität. Dadurch dass bewusstes Unterlassen gesellschaftlicher Orientierungspunkt wird, können Macht­strukturen aufgebrochen werden.

I.F.: Wer wird diesmal beim Convoco-Forum dabei sein?
C.F.: Viele meiner konstanten Teilnehmer wie Kai Konrad, der Direktor für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen am Max-Planck-Institut, Christoph Paulus, Experte für Staateninsolvenz und Rudolf Mellinghoff, Präsident des Bundesfinanzhofs. Mit Wolfgang Ischinger haben wir Politik und Diplomatie am Tisch, mit Peter M. Huber einen Richter des Bundesverfassungsgerichts. Neu hinzu kommt u. a. Clemens Fuest vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung.

I.F.: Convoco besteht seit elf Jahren – wie hat es sich verändert?
C.F.:  Convoco ist langsam aber kontinuierlich gewachsen, und so hat sich im Laufe der Zeit eine spannende Struktur von Interessierten gebildet, die sich miteinander vernetzen. Unsere Zuhörer sind junge und ältere Menschen, Frauen und Männer. Wir haben jegliche Art von beruflichen Feldern, Akademie und Wirtschaft, die Juristen, die Mediziner, die Künstler und Medienleute – das ganze gesellschaftliche Spektrum. Convocare bedeutet zusammenrufen – im Augenblick bin ich diejenige, die ruft, und ich mache es gerne und mit Herz.

I.F.: Sie haben Pink als Farbe für Convoco gewählt. Wie passt das zu einem seriösen Think Tank?
C.F.: Es ist sogar Shocking Pink! Bei der hohen Qualität der Themen und Gespräche ist es mir ein zentrales Anliegen, zu signalisieren: Wir bewegen uns nicht in einem Elfenbeinturm, sondern Denken ist Teil unseres täglichen Lebens. Es ist sparkling, bereichernd und fröhlich.

I.F.: Wie begegnet Convoco der Komplexität unserer heutigen Lebenswelt?
C.F.: Komplexität – also Vieldeutigkeit und Vielschichtigkeit – muss man herunterbrechen und die Teile anschauen. 2014 war unser Thema Unterlassen und zwar als Nichttun, nicht als Nichts tun. Darin steckt auch eine Strategie für den Umgang mit Komplexität.

I.F.: Wie wichtig ist das Recht für das Funktionieren unseres Zusammenlebens?
CF: Jede Gesellschaft ist so gut wie ihr Rechtssystem. Korruption zum Beispiel ist der Tod eines jeden Staates. Das Recht ist als Letztbezug ausschlaggebend. Man darf das nicht unterschätzen.

IF: Nicht-Juristen dürfte das vermutlich nicht so bewusst sein.
CF: Selbst als Jurist ist einem das manchmal nicht so bewusst. Recht klingt immer nach Gesetz oder nach Sich-verhalten-müssen, und die Strafe kommt gleich mit daher. Aber man muss es anders sehen: Unser Leben würde nicht funktionieren ohne Recht. Wir diskutierten 2012 über Kollektiven Rechtsbruch als Gefahr für unsere Freiheit. Wenn wir zum Beispiel alle anfangen, Inhalte im Internet herunterzuladen, ohne Urheberrechte zu beachten, wird es irgendwann sehr wild. Obwohl das Internet uns riesige Vorteile und Möglichkeiten eröffnet, gibt es negative Seiten, die sich daraus ergeben, dass die digitale Welt keine bzw. wenig rechtliche Regelungen hat.

I.F.: Macht Convoco auch das Denken selbst zum Thema?
C.F.: Man kann sich die Frage stellen, ob unsere Denkmuster heute bereits im Einklang mit den technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen stehen.

I.F.: Weil Denkmodelle sich über die Zeit verändern?
C.F.: Sie sollten sich verändern. In Hinblick auf die digitale Welt glaube ich nicht, dass wir als Gesellschaft verstehen, welche Implikationen sich ergeben. Beziehungsweise welche Entwicklungen uns bevorstehen, und welche schon im Gange sind. Ich finde spannend, was passiert, wir können uns dem auch nicht entziehen. Ich möchte nur sagen: "Hört zu! Bitte nachdenken! Schaut genau hin! Und entscheidet heute, wie es morgen sein soll. Wie wir es haben wollen."