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Interessant ist der Artikel in Bezug auf zwei Fragen:

Warum ist Europa heute nicht verteidigungsfähig?Und was motiviert das aktuelle Verhalten der USA?


Wie mache ich aus Freunden Feinde?

Ulrich Beck charakterisiert 1993 ein neuartiges Phänomen: den feindlosen Staat. Er untersucht die Folgen, wenn der Staat keine Feinde mehr hat. Der deutsche Verteidigungsminister Volker Rühe sagte damals: „Deutschland ist von Freunden umzingelt.“

Deutschland, entstanden aus der BRD und der DDR, die beide auf Feindbildern des Ost-West-Gegensatzes aufgebaut waren, erfuhr die neue Feindlosigkeit als tiefe Verunsicherung. Mindestens Westeuropa stand im Äußeren ohne Feinde da.

Ulrich Beck stellt drei Thesen vor:

1. Demokratisierung und Militarisierung erfolgten im 19. Jahrhundert parallel. Dann könnte man heute im Umkehrschluss feststellen, dass Entmilitarisierung mit Entdemokratisierung einhergeht. Feindbilder integrieren Gesellschaften – auch die moderne Gesellschaft. Sie begrenzen die Demokratie und ermächtigen staatliches Handeln.

2. Die atomare Hochrüstung ermöglichte – paradoxerweise  eine Entmilitarisierung der Gesellschaft. Die Hochbewaffnung ermöglichte eine Demobilisierung und damit die Zivilisierung der Gesellschaft – einhergehend mit einer Individualisierung.

3. Im feindlosen Staat treten die Widersprüche zwischen Militär und Demokratie hervor. Die wohlfahrtsstaatliche Individualisierung – zu Ende gedacht – hebt den Ernstfall auf.

Laut Beck gibt es in allen Demokratien zwei Arten von Autorität: Die eine geht vom Volk aus, die andere vom Feind. Feindbilder integrieren. Feindbilder ermächtigen. Sie erlauben es, alle anderen gesellschaftlichen Gegensätze zu überspielen und zusammenzuzwingen. Sie sind eine alternative Energiequelle für den mit der Entfaltung der Moderne knapp werdenden Rohstoff Konsens.

Ulrich Beck stellt sich die Frage, ob es möglich ist, das Experiment der Moderne, das Eintreten in die „Achterbahn der Neuerungen“, ohne Feindbilder zu bestehen.

Feindbildern wohnt die Kraft zur Selbstbestätigung inne; sie grenzen ab, bereiten Gewalt vor und erzeugen Angst. Feindbilder haben die fürchterliche Kraft zur Selbstverwirklichung, weil sie eine Mechanik von Abwehr und Gegenwehr in Gang setzen.

Staatliche Kampfhähne sind alles in einem: Ankläger, Täter, Richter und Henker. Die fehlende Gewaltenteilung im Verhältnis der Staaten zueinander macht Feindbilder so wirkungsmächtig, so kriegstreiberisch, weil Staaten, die sich streiten, nicht durch Verfahrensregeln und Instanzen zur Vernunft gebracht werden können. Staaten treten und trumpfen mit allen Insignien der Legitimität auf. Sie haben immer ihr Recht, ihr Parlament, meist auch ihre Öffentlichkeit auf ihrer Seite.

Feindbilder sind intellektuelle Waffen, Meta-Waffen: Sie ermöglichen, auf ein Außen abzuwälzen, was im Inneren wenigstens miterzeugt wird. Der andere, der Feind, ist schuld. Der Kalte Krieg gab der Welt eine Ordnung, eine Ordnung des Schreckens, die es erlaubte, innere Krisen auf externe Ursachen  Feinde  abzuwälzen. Der Kalte Krieg verwirklichte ein Stück einer geteilten, auf Feindbilder aufgebauten Weltgesellschaft.

Ohne diesen gemeinsamen, integrierenden Feind setzte eine Individualisierung  der Gesellschaft ein. Hier entstand Gegensätzliches, aber nicht eine neue Einheit. An die Stelle des Gleichgewichts des Schreckens tritt das Gleichgewicht der Nörgler – alle sind uneins mit allem und allen. Nicht der ewige Frieden, sondern der ewige Streit lässt den Großkonsens des Ernstfalls nicht mehr zu – so Ulrich Beck.

Bei dem Zusammenbruch einer Weltordnung – wie wir es momentan wieder erleben– werden Turbulenzen aller Art möglich, einschließlich Gewalt.

Wenn man heute das Verhalten der USA beobachtet, so kommt einem der Gedanke, dass die USA versuchen, Feindbilder aufzubauen, um staatlichen Konsens, Zusammengehörigkeit, zu erzeugen. Amerika stellt sich gegenwärtig ein Problem: Wie mache ich aus Freunden Feinde?

Corinne Flick, Januar 2026


Ulrich Beck, Der feindlose Staat. Militär und Demokratie nach dem Ende des Kalten Krieges, in: Siegfried Unseld (Hrsg.), Politik ohne Projekt, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1993, S. 106-122.


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