BLOGPositive Nachrichten für Europa?


1. Was bedeutet der Sieg von Péter Magyar für Ungarn? Und was bedeutet er für Europa? 

Für Ungarn ist dieser Sieg vor allem die Chance auf eine politische und institutionelle Neuordnung. Nach 16 Jahren Orbán ist die Botschaft der Wähler klar: ein Ende der Blockadepolitik nach innen und außen, mehr Rechtsstaatlichkeit, mehr staatliche Funktionsfähigkeit und eine Rückkehr zu normaleren Beziehungen mit der Europäischen Union. Magyar hat genau das angekündigt: Stärkung von Rechtsstaat und Justiz, Kampf gegen Korruption und eine engere europäische Einbindung.

Für Europa ist das Ergebnis noch mehr als ein nationaler Regierungswechsel. Ungarn war in den vergangenen Jahren ein systematischer Störfaktor bei zentralen EU-Fragen, vor allem bei Ukraine-Hilfe, Sanktionen und allgemeinen Fragen europäischer Handlungsfähigkeit. Der Machtwechsel kann deshalb die Kohärenz der EU deutlich erhöhen. Er bedeutet nicht, dass Budapest künftig überall vorbehaltlos mitziehen wird. Aber er bedeutet sehr wahrscheinlich das Ende einer Politik, die ihr Gewicht vor allem aus dem Veto bezog.

2. Siehst Du darin eine Absage an Trump und an rechtspopulistische Parteien im Allgemeinen? 

Ich würde es nicht als generelle ideologische Absage an alle rechtspopulistischen Kräfte lesen. Dafür sind nationale Kontexte in Europa zu unterschiedlich. Aber es ist sehr wohl eine Niederlage für jenes politische Modell, das Orbán international verkörperte: nationalpopulistisch, anti-liberal, institutionell konfrontativ, eng anschlussfähig an Trump und demonstrativ russlandfreundlich.

Zugleich sollte man den ungarischen Wählern nicht nur ein geopolitisches Motiv unterstellen. Ausschlaggebend waren offenkundig auch ganz klassische innenpolitische Faktoren: wirtschaftliche Stagnation, Inflation, Korruptionsvorwürfe, ein erschöpftes Regierungssystem und der Wunsch nach einem funktionierenden Staat. Insofern ist das Ergebnis eher eine Absage an Orbáns Regierungsmodell als an jede Form konservativer oder rechter Politik insgesamt.

3. Sven, Du kennst Péter Magyar gut. Was ist realistisch von ihm zu erwarten? 

Ich würde hier bewusst mit Augenmaß antworten: Er ist einer meiner Stellvertreter als Vorsitzender im Verfassungsausschuss und ich habe gerne mit ihm zusammengearbeitet. Ich halte ihn für politisch ambitioniert, strategisch denkend und deutlich europäischer, als es die ungarische Regierung in den letzten Jahren war. Er ist inspirierend, jugendlich forsch und zweifelsohne eine besondere Type. Ich meine, es ist schon beeindruckend, was er in den letzten Monaten auch ganz persönlich ausgehalten hat. Er hat ja gerade am Schluss bis in den Intimbereich hinein die gesamte Wucht des Orbán-Regimes zu spüren bekommen. Das muss man erst einmal aushalten – wirklich beachtlich.

Aber man sollte jetzt weder eine Wundererzählung noch eine bloße Projektionsfläche daraus machen. Realistisch ist erstens ein klarer Kurswechsel im Stil des Regierens: weniger Konfrontation mit Brüssel, mehr Bereitschaft zu institutioneller Reparatur und eine pragmatischere Außenpolitik. Zweitens ist realistisch, dass er sehr schnell sichtbare Signale senden wird – etwa zu Korruptionsbekämpfung, Justiz und europäischer Zusammenarbeit –, gerade auch um Vertrauen im In- und Ausland zurückzugewinnen. Nicht realistisch wäre aber die Erwartung, dass Ungarn binnen weniger Monate vollständig „entorbánisiert“ werden kann. Ein Regierungswechsel ersetzt nicht sofort ein über Jahre gewachsenes Macht- und Loyalitätssystem. Selbst bei einer Zweidrittelmehrheit bleiben Verwaltung, Justizspitze, staatsnahe Ökonomie und öffentliche Medien teilweise von der alten Ordnung geprägt.

4. Im letzten Jahr war Ungarn eines der ärmsten der 27 EU-Länder. 17 Mrd. Euro sind von der EU blockiert und warten nun darauf, freigegeben zu werden. Im August verfallen rund 10 Mrd. Euro. Das ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Kann Ungarn diesen gewinnen?

Ob Ungarn das Rennen gegen die Zeit gewinnt, hängt weniger an einer einzelnen politischen Willenserklärung als an zwei Faktoren: Geschwindigkeit und Glaubwürdigkeit. Geschwindigkeit, weil ein Teil der Mittel tatsächlich an Fristen gebunden ist. Glaubwürdigkeit, weil die Kommission nicht auf neue Rhetorik reagieren wird, sondern auf belastbare Reformschritte.

Die gute Nachricht für Budapest ist: Nach dem Wahlausgang ist die politische Grundskepsis in Brüssel deutlich geringer, und die Märkte preisen bereits eine Verbesserung ein. Die schwierigere Nachricht ist: Rechtsstaatsdefizite lassen sich administrativ und juristisch nicht im Eilverfahren wegheilen. Meine Einschätzung wäre daher: Teilfortschritte in relativ kurzer Zeit sind gut möglich, eine vollständige Normalisierung eher nicht. Wahrscheinlich ist ein schrittweises Freigabeszenario, sofern die neue Regierung früh konkrete, überprüfbare Maßnahmen einleitet.

5. Erwartest Du eine Veränderung in Bezug auf Russland bzw. Ukraine-Politik Ungarns? 

Ja, aber eher als Kurskorrektur denn als Kehrtwende. Der wichtigste Unterschied dürfte sein, dass Budapest unter Magyar seine Rolle als strategischer Vetospieler in der EU weitgehend aufgibt. Gleichzeitig wird Magyar nicht einfach eine maximalistische Ukraine-Linie übernehmen. Er hat betont, dass Ungarn die Rechte der ungarischen Minderheit in der Ukraine weiterhin thematisieren werde, und er hat sich nicht für einen ukrainischen EU-Schnellbeitritt ausgesprochen. Auch gegenüber Russland ist eher mit Pragmatismus als mit dramatischer Eskalation zu rechnen, vor allem wegen der energiepolitischen Abhängigkeiten. Das heißt: weniger politische Nähe zu Moskau, mehr europäische Verlässlichkeit, aber keine demonstrative außenpolitische Radikalkur.

6. Ausländische Unternehmen wurden mit Sondersteuern drangsaliert. Voraussichtlich werden diese nun aufgehoben. Was bedeutet das für den europäischen Markt? 

Sollte eine neue ungarische Regierung die sektoralen Sondersteuern und andere diskriminierende Eingriffe tatsächlich zurückfahren, wäre das zunächst ein Signal der Normalisierung. Für Unternehmen hieße das: mehr Vorhersehbarkeit, geringere politische Risikoprämien, bessere Investitionsbedingungen. Für den europäischen Markt insgesamt wäre der Effekt weniger ein kurzfristiger Boom als eine qualitative Verbesserung: weniger Binnenmarktverzerrung, weniger willkürliche Belastung grenzüberschreitend tätiger Unternehmen und ein besseres Signal an Investoren, dass Ungarn vom Modell der politischen Sonderwirtschaftszonen zu einem regelgebundeneren Markt zurückkehrt.

Besonders relevant wäre das für Energie, Banken, Industrie und investitionsgetriebene Wertschöpfungsketten in Mitteleuropa. Allerdings gilt auch hier: Nicht jede Sonderabgabe verschwindet automatisch über Nacht, und fiskalischer Druck bleibt. Wenn Budapest zugleich Wachstum fördern und Haushaltslöcher schließen will, wird die Versuchung bleiben, einzelne Branchen weiter überproportional zu belasten. Der entscheidende Unterschied wäre dann aber, ob dies nach rechtsstaatlichen und vorhersehbaren Regeln geschieht – oder wieder als politisches Druckmittel.

7. Was ist Dein Fazit?

Der Wahlsieg Péter Magyars ist für Ungarn eine historische Öffnung und für Europa die Chance, einen langjährigen Blockadeknoten zu lösen. Aber der eigentliche Test beginnt jetzt erst. Entscheidend wird nicht sein, ob die neue Regierung einen europafreundlicheren Ton anschlägt, sondern ob sie in kurzer Zeit glaubwürdige institutionelle Veränderungen liefert. Nur dann wird aus dem politischen Erdrutsch auch ein nachhaltiger europäischer Neustart.


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