BLOGWie sieht die Zukunft geopolitisch aus?
1. Bricht die globale Weltordnung, wie wir sie seit dem Zweiten Weltkrieg kennen, gerade zusammen?
Die nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte globale Weltordnung bestand aus einem Netz von völkerrechtlichen Normen sowie multilateralen Institutionen – mit den Vereinten Nationen als Zentrum. Besonders nach Ende des Kalten Krieges wurde sie durch menschenrechtliche Prinzipien verfeinert und ausgebaut. Bereits in den vergangenen Jahren stand sie indes durch China und Russland unter Beschuss. Beide Großmächte geißelten diese Ordnung verstärkt als Vehikel des Westens – angeführt durch die Hegemonialmacht USA. Den offenen Bruch mit der hergebrachten Ordnung vollzog Russland mit dem Aggressionskrieg gegen die Ukraine – eine flagrante Verletzung der Charta durch ein ständiges Mitglied des Sicherheitsrates. Nun hat sich auch die USA unter Trumps zweiter Administration von den Regeln und Institutionen der hergebrachten Ordnung weitgehend verabschiedet. Der Rückzug aus der multilateralen Kooperation wiegt besonders schwer, sind doch die USA nicht nur Weltmacht und größte Volkswirtschaft, sondern auch Gründungsnation und Sitzstaat der Vereinten Nationen.
Zwar ist es meines Erachtens zu früh, schon den Tod der alten Ordnung zu konstatieren. Aber in jedem Fall befinden wir uns im Übergang zu einer neuen Ordnung, deren Konturen wir noch nicht vollständig ermessen können. Wird es eine fragmentierte Ordnung sein, in der die Großmächte ihre jeweiligen Interessensphären beherrschen? Oder wird es gelingen, Elemente der alten Ordnung für eine Mehrzahl der Staatenwelt zu erhalten? Die Zukunft scheint mir ein Stück weit offen.
2. Hat Europa die Chance, die „rules-based order“ zu bewahren? Wenn Europa sich nach anderen Partnern umschauen muss, um die Rules-Based Order zu erhalten, gibt es überhaupt die Möglichkeit, solche Partner zu finden? Wer kommt in Betracht?
Die Entstehung der „rules-based international order“ nach 1945 hat zwar “westliche“ Ursprünge. Aber das heißt nicht, dass sie nur vom sog. „Westen“ getragen wird. Staaten in Asien, Lateinamerika und Afrika fühlen sich ihr verpflichtet und profitieren von ihr – auch Staaten des „globalen Südens“. Alle diese Staaten – auch weniger perfekte Demokratien – sind potenzielle Partner. Der Aufbau von soliden Partnerschaften für multilaterale Zusammenarbeit ist eine Zukunftsaufgabe für Europa. Im wichtigen Handelsbereich der „rules-based economic order“ – geprägt durch die Welthandelsorganisation (WTO) und die Prinzipien des freien und fairen Handels – macht die EU bereits wichtige Fortschritte. Neue Freihandelsabkommen sind das Gegenprogramm zu ruinösen Zollkriegen.
3. Steht hinter den Aktionen Amerikas in Venezuela und im Iran als Motiv letztendlich die Rivalität zwischen China und den USA?
Die militärische Intervention in Venezuela ist vor allem dem neuen Schwerpunkt der zweiten Trump-Administration geschuldet – die Dominanz in der westlichen Hemisphäre – eine Neuauflage der Monroe-Doktrin. Der Zugriff auf die gewaltigen Ölreserven Venezuelas kommt hinzu. Die Kriege gegen Iran im Juni 2025 und ab Februar 2026 erklären sich durch Trumps langgehegten Wunsch, Irans Nuklearprogramm final zu beenden und die Alliierten im Nahen Osten – also Israel und wichtige Golfstaaten – von der Bedrohung durch das iranische Regime zu befreien. Dass gleichzeitig damit strategischen Interessen der US-Großmachtrivalen China und Russland in Venezuela und Iran Schaden zugefügt werden könnte, mag ein zusätzlicher US-Beweggrund gewesen sein. Wer indes von den US-Kriegen gegen den Iran am Ende mehr profitiert, muss sich noch zeigen. Die chinesische Führung jedenfalls beobachtet die Verstrickung der USA in den explosiven Raum des Nahen Ostens mit einem gewissen Wohlgefallen. Russlands Staats- und Kriegskasse profitiert vom drastisch gestiegenen Ölpreis
4. Steckt hinter dem Aufruf der USA, dass Europa sich verteidigen muss, der Gedanke, dass Europa den USA helfen soll, Aggressor zu sein?
Nein, die dringlichen Aufrufe der USA an die Europäer und NATO-Partner, mehr für ihre eigene Verteidigung zu tun, gehen weit mehr als ein Jahrzehnt zurück. Dahinter stand die (berechtigte) Klage, dass die USA allein ca. 70% der NATO-Verteidigungslasten trügen – zur Verteidigung Europas. Die jüngste Beschwerde von Präsident Trump, dass die NATO-Partner die USA in ihrem Iran-Krieg nicht unterstützen, hatte wenig mit der finanziellen Lastenteilung zu tun. Langfristig allerdings werden die USA – einerlei, wer Präsident ist – ihre Militärpräsenz in Europa zurückfahren, um sich auf den asiatischen Raum, besonders auf China zu konzentrieren. Die säkulare Rivalität zu China wird die internationale Politik der USA in den nächsten Jahrzehnten bestimmen.
5. Schauen wir auf den Mittleren Osten: Wird sich die Region von dem Krieg erholen? Erwartest Du, dass die Folgen auch einen Bruch der Partnerschaft der arabischen Staaten mit den USA beinhalten könnten, bzw. dass die Staaten Amerika gegenüber auf kritische Distanz gehen?
Ich erwarte kurz- und mittelfristig keine Beruhigung der Spannungen in der Region. Nach dem jetzigen Lagebild wird das iranische Regime den Krieg überleben. Israel und die Golfstaaten werden nach wie vor im Schatten einer (wenn auch abgemilderten) iranischen Bedrohung leben. Ein weiterer Krieg in der Zukunft ist wahrscheinlich. Die arabischen Staaten, insbesondere die Golfstaaten, sind bereits jetzt von den USA enttäuscht. Diese Enttäuschung wird noch wachsen. Einen Bruch mit den USA werden sie indes nicht riskieren. Dazu sind die Verflechtungen zu stark, besonders die militärischen und wirtschaftlichen. Aber „hedging“ wird ihr Leitprinzip sein – wechselnde Optionen der Anlehnung an die USA, China, auch Europa.
Dr. Peter Wittig war fast vier Jahrzehnte Angehöriger des deutschen Diplomatischen Dienstes – insgesamt auf 5 Botschafter-Posten. Zuletzt war er
deutscher Botschafter in London (2018 – 2020), Washington (2014 – 2018) und bei den Vereinten Nationen in New York (2009 – 2014). Seit 2020 ist er „Senior Advisor Global Affairs“ bei der Schaeffler Gruppe. Er lehrt an der European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin.

