BLOG„In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod.“


1. Wo liegen die Ursprünge des Sinnspruches?

Das Zitat ist alt. Es findet sich erstmals in den Sinngedichten des deutschen Barockdichters Friedrich von Logau aus dem Jahr 1654 und speist sich damit aus der unmittelbaren Erfahrung des Dreißigjährigen Krieges.  In den 1970er Jahren, wählen Alexander Kluge und Edgar Reitz den Sinnspruch als Titel eines Autorenfilms. Gefunden haben sie den Titel als Graffiti an einer Wand im Keller eines besetzten Frankfurter Hauses.

2. Was genau ist mit diesem Sinnspruch gemeint?

Er versteht sich als eine begründete Absage an die Vorstellung, dass die Lösung für ein Problem sich grundsätzlich als „mittlerer Weg“, als Vereinigung einander widersprechender Weltsichten oder als Ausgleich zwischen konträren Interessen und damit als „Balance“ in einem guten und produktiven Sinne darstellt.

Beruhigende Sentenzen wie diejenige, dass „die Wahrheit oft in der Mitte“ liege oder dass der Mittelwert zwischen ursprünglichen Verhandlungspositionen der streitenden Parteien eine Art Richtigkeitsgewähr beanspruchen könne, dürfen nicht ungeprüft akzeptiert und auf jede Art von Herausforderung angewandt werden.

Das gilt zunächst – und vielleicht sogar in erster Linie – für die Suche nach der Wahrheit. Die Wahrheit ist nicht Verhandlungssache. Sie liegt auch grundsätzlich nicht in der Mitte. Sie ist nicht politischen Präferenzen oder Machtansprüchen unterworfen. Der Anspruch auf Wahrheit verlangt die Übereinstimmung der Anschauung mit der Realität – nicht mehr und nicht weniger.

Und doch: Der Sinnspruch vom mittleren Weg nimmt nicht für sich in Anspruch, radikale Lösungen für jede Lebenssituation zu legitimieren. Ausschließlich „in Gefahr und größter Not“, d.h. nur bei existenziellen Herausforderungen für die Person oder eine staatliche Gemeinschaft ruft der Sinnspruch zu mutigen Extremhandlungen auf, und er garantiert beileibe nicht, dass Radikalität zum Erfolg führt. Nicht nur der mittlere, sondern auch der rechte oder der linke Weg kann „zum Tode führen“. Die zentrale Aussage des Epigramms ist lediglich, dass der „Mittelweg“ in Gefahr und größter Not noch nicht einmal die Chance des Erfolgs in sich trägt.

3. Was bedeutet das für die Demokratie?

Man muss in einer Demokratie allen Bedrohungen zum Trotz im Grundsatz abwarten, bis die Mehrheit der Bürger (und der Politiker) die Einsicht in die Größe der Gefährdungen erlangt und Einigkeit über einen – gegebenenfalls radikalen – Lösungsansatz gefunden hat. Doch kann es dann auch zu spät sein, vor allem bei Langfristprozessen, deren Bewältigung lange vor dem Schadenseintritt beginnen muss (der Klimawandel oder der demographische Wandel sind nur zwei von vielen Beispielen).

Zentrale Voraussetzung für dieses Prozedere ist jedoch, dass der Diskurs in einer Demokratie nicht so geführt werden darf, dass grundsätzliche und tiefgehende Problemanalysen, gefolgt von ungewöhnlichen, vielleicht auch radikalen Reformansätzen von vornherein als politisch inopportun aus der Diskussion herausgehalten werden. Radikales Denken muss möglich bleiben, und doch immer wieder die Rückbindung an die Fakten suchen. Alternative Lösungen müssen in Betracht gezogen und doch mit Vorsicht auf ihre unmittelbaren und langfristigen Konsequenzen geprüft werden. Das erfordert Erfahrung und Urteilskraft. Es gilt daher: „In Gefahr und größter Not“ muss die Realität schonungslos analysiert, müssen sämtliche Handlungsoptionen auf den Tisch gelegt werden. Doch die Entscheidung – auch die Entscheidung, das Übel an der Wurzel zu packen – muss dort liegen, wo sie hingehört: beim Volk und seinen in freien und gleichen Wahlen bestimmten Vertretern.

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ISBN: 978-3-8353-6076-1

eBook: 978-3-83539305-9


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